Ein paar der wohl prominentesten Themen während des Erwachsenwerdens sind sicherlich Jungfräulichkeit, Sex und was auch immer darauf folgt. Heutzutage kommt es immer früher zum sogenannten Verlust der Jungfräulichkeit. Gründe dafür sind verschiedene: Das komplette Ausgesetztsein der Medien im jungen Alter, der freiere und weniger konservative Umgang mit Sexualität in der jetzigen Generation und der Trend, immer früher in die Pubertät zu kommen, den die Evolution mit sich zu bringen scheint.

Doch wie geht unsere Gesellschaft damit um?

Grundsätzlich lassen sich neben den offenen, liberalen Standpunkten zwei radikal gegenteilige Perspektiven ausmachen. Es gibt die Partie, die behauptet, die Jugend von heute habe keine Ehre mehr, dass es schandhaft sei, in so jungem Alter aktiv Sex zu haben; in manchen Fällen auch vollkommen zwanglos und ungebunden statt mit nur einem Partner. Statt zu respektieren, dass es ganz bei den Individuen liegt, zu entscheiden, was, wann und mit wem sie etwas tun wollen. Der „Verlust“ der Jungfräulichkeit wird häufig, vor allem bei Mädchen, von einem negativen Stigma begleitet. So kann es vorkommen, dass Mädchen als „Schlampe“ bezeichnet werden. Eine Bitch, eine Hoe, ein Mensch mit weniger Wert, nur weil sie sich entschlossen haben, einem natürlichen Trieb nachzugehen. Wobei unterschwellig oft die Doppelmoral präsent ist, während Mädchen Huren seien, wenn sie mit Jungen schlafen, seien Jungen komplett frei in dem, was sie tun. Ein paar wenige werden als Fuckboys abgestempelt, jedoch eher, wenn sie regelmäßig neue Kurzzeitbeziehungen anfangen, als wenn sie einfach nur ungebunden mit verschiedenen Mädchen schlafen. Es kommt sogar eher vor, dass sie – je nach Freundeskreis – dafür gefeiert werden. Wer Geschichten parat hat und eventuell Nacktbilder von Eroberungen vorzeigen kann, ist König (kurz angemerkt, das Besitzen oder Verschicken von Nacktbildern von Minderjährigen gilt als Kinderpornographie, selbst, wenn es die eigenen oder die des festen Partners sind).

Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die Jungfräulichkeit mit Minderwertigkeit gleichsetzen. Jungen bekommen durch ihre Freundeskreise und das Bild, das in den Medien porträtiert wird, das Gefühl, aktiv werden zu müssen, um besonders „maskulin“ zu sein, dazuzugehören. Und Mädchen wird oft eingeredet, sie seien nicht besonders begehrenswert, nicht hübsch genug und daher wertloser, wenn sie anderen Jungen nicht ihren Körper anbieten und ihnen regelrecht den Kopf verdrehen. 

Selbstverständlich gibt es auch genügend Jungen und Mädchen, auf die diese genannten Perspektiven keinen Einfluss nehmen, die sich glücklicherweise frei von solchen Vorurteilen und Gruppenzwang für oder gegen sexuelle Aktivität entscheiden.

Dennoch sollte man nicht außer Acht lassen, wie noch heute der angebliche „Verlust“ von Jungfräulichkeit interpretiert und vor allem dem weiblichen Teil der Bevölkerung zur Last gelegt wird. Es wird gesagt, eine Frau solle sich gut überlegen, wen sie ihre Jungfräulichkeit „nehmen“ lässt. Allein dieses sprachliche Konstrukt macht klar, wie das erste Mal Geschlechtsverkehr einer Frau jahrhundertelang negativ belastet war. Der Frau wird etwas genommen? Wohin geht es denn? Wer hat es, nachdem es ihr genommen, quasi gestohlen wurde? Klingt das nicht absurd? Ist es auch.

Der allgemeine Glaube ist, dass man bei Frauen körperlich erkennen kann, ob sie bereits Geschlechtsverkehr hatte oder nicht, während es beim Mann keiner beweisen kann. Und das ist ein weitverbreiteter Irrglaube.

Es gibt Länder auf der Welt wie Afghanistan oder Indien, in denen sogenannte „Virginity-Tests“ durchgeführt werden (in den meisten Ländern illegal), um zu bestimmen, ob die Frau vor der Ehe schon mit einem Mann geschlafen hat. Denn in solchen Ländern ist Sex vor der Ehe nicht gestattet, die Frau gilt als unrein, ist sie keine Jungfrau mehr und sie ist nichts mehr wert, nicht mehr zu verheiraten, eine Schande für die Familie. Dass es in heterosexuellem Verkehr auch eines Mannes benötigt, der ebenfalls seine Jungfräulichkeit „verliert“, ist dabei komplett außen vor. Bei solchen Untersuchungen, werden Frauen ohne ihre Einwilligung auf Grund des Verdachts von Unreinheit zu einem Frauenarzt gezwungen, der dann feststellt, in wie fern das Jungfernhäutchen der Betroffenen noch intakt ist. Dass die meisten dieser Untersuchungen negativ für die Frauen ausfallen, liegt nicht daran, dass sie tatsächlich alle bereits Sex hatten. Der Grund liegt wo anders. Aber dazu gleich mehr.

Ein weiterer Indikator soll das Bluten der Frau bei der Entjungferung sein, das auftreten kann, wenn das Jungfernhäutchen reißt. So wird in manchen Kulturen von frisch verheirateten Frauen in ihrer Hochzeitsnacht erwartet, das weiße Laken rot zu beflecken. Es gibt Fälle, in denen Frauen dieses mit im Internet erworbenem, künstlichen Blut fälschen müssen (manche wurden von ihrem fast Ehepartner zum Sex überredet und dann aber doch noch verlassen, manche wurden vergewaltigt und manche haben sich vorab einfach frei dazu entschieden, sexuell aktiv zu sein), um negativen Konsequenzen zu entgehen.

Was genau ist nun also der Irrglaube daran, zu denken, Frauen könnte man ihre Jungfräulichkeit körperlich nachweisen und Männern nicht?

Eins sollte wohl klar sein, es geht hier nicht darum, wie man es bei der männlichen Bevölkerung feststellt, nein. Es geht darum, dass die Vorstellung der Jungfräulichkeit auf Basis eines reißenden und blutenden Jungfernhäutchens, das sich wie eine Wand im Eingang des weiblichen Geschlechtsorgans befindet, kompletter Unfug ist.
Ja, es stimmt, dass manche Frauen bluten, wenn sie entjungfert werden. Und ja, es stimmt, dass dabei etwas am sogenannten Jungfernhäutchen reißen kann. Was aber nicht stimmt, ist die Erwartung, dass dies immer der Fall sein muss. In der Regel sind Jungfernhäutchen nämlich keine undurchlässigen Häutchen, die sich wie eine Wand durch den Eingang ziehen. Sie sind eigentlich sogar vollkommen individuell und variieren wie Fingerabdrücke von Mensch zu Mensch. Sie sind dehnbar und vor allem sind sie meist durchzogen von einem oder mehreren Löchern. Sie ähneln eher einem Zopfband als einem ebenen Tuch und müssen daher nicht immer bluten oder schmerzen, wenn eine Frau zum ersten Mal Geschlechtsverkehr hat.

Also zurück zu den Mädchen, die Virginity-Tests unterzogen werden. Vielen dieser zwangsuntersuchten Betroffenen wird unterstellt, sie hätten außerehelichen Geschlechtsverkehr gehabt, nur weil ihr Körper physisch nicht den Ansprüchen eines intakten Häutchens gerecht wird, auch wenn diese seit Geburt so aussahen.
Ein ähnliches Problem kommt bei den Frauen auf, die nicht bluten, obwohl sie eigentlich noch Jungfrau sind. Es kann nämlich sein, dass ihr Häutchen einfach dehnbarer ist als das anderer Frauen oder dass ihr Jungfernhäutchen vorher schon zuvor in ihrer Jugend „gerissen“ ist, also beschädigt wurde, was auch bei Aktivitäten wie Gymnastik, Voltigieren oder dergleichen passieren kann.
In patriarchalischen Kulturen wie diesen ist der Wert der Frau eng gebunden an ihre Jungfräulichkeit; ein soziales Konstrukt. Denn, verloren hat sie nichts. Was ist der Unterschied zwischen dem ersten Mal Sex haben und dem ersten Mal Fahrradfahren? Ins Kino gehen? Verreisen? Klar, es steckt mehr Verantwortung mit dahinter, gerade in Bezug auf mögliche Folgen wie Schwangerschaft oder Geschlechtskrankheiten, außerdem sollte die betroffene Person sich unbedingt selbstständig bereit dazu fühlen und sich nicht, unter keinen Umständen, von anderen dazu überreden lassen. 

Aber abgesehen davon? Wieso sollte die Jungfräulichkeit, egal ob das Mädchen tatsächlich schon Sex hatte oder nicht, egal wie ihr Jungfernhäutchen ihr von der Natur gegeben wurde oder nicht, darüber entscheiden, wie viel Wert sie ist? Ob sie „rein“ ist, oder „unrein“, „prüde“ oder „locker“, „respektabel“ oder eine „Schlampe“?

Es sollte absolut niemanden etwas angehen, welche Entscheidungen eine Frau hinsichtlich dessen trifft. Die Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft, zumindest in den Industriestaaten, sollte sich bisher weit genug gewandelt haben, um dem Mann gleichzustehen und von solcherlei Trivialitäten- die nun wirklich niemanden außer ihr etwas angehen –nicht bestimmt werden. Es liegt ganz bei jedem einzelnen Individuum, ob überhaupt, wann, wo und mit wem es sexuell aktiv werden möchte oder nicht. Auch, wenn die heutige Gesellschaft angesichts dessen sicherlich schon auf dem Weg der Besserung ist, ist noch längst nicht alles perfekt. Das Stigma, welches unterschwellig diesem Thema beiwohnt, ist noch immer präsent. Und es wird Zeit, dass es verschwindet.

 

 

 

Weiteres zum Thema findet ihr hier:

BBC Interview (Aria Ahmadzai, Camelia Sadeghzadeh, 2017)mit einer Frau, die einem Virginity-Test unterzogen wurde:

https://www.bbc.com/news/world-asia-42112827

 

Amnesty International Artikel (2011) über ägyptische Zwangsjungfräulichkeitsuntersuchungen von weiblichen Demonstrantinnen:

https://www.amnesty.de/2011/3/24/aegypten-demonstrantinnen-zu-jungfraeulichkeitstests-gezwungen

 

Zeit Online Artikel (Nastaran Nawras, 2017) über afghanische, zwangsverheiratete Frauen und ihre Jungfräulichkeit:

https://www.zeit.de/gesellschaft/2017-10/jungfraeulichkeit-afghanistan-ehe-tradition-fluechtlinge

 

Artikel der Süddeutschen Zeitung (Harald Hordych, 2016) über den Mythos der Jungfräulichkeit und blutige Bettlaken:

https://www.sueddeutsche.de/leben/sexualitaet-mythos-jungfraeulichkeit-heilige-oder-hure-1.3165649

 

Jetzt Artikel (Berit Dießelkämper, 2017) über künstliche Jungfernhäutchen:

https://www.jetzt.de/koerperbilder/kuenstliches-jungfernhaeutchen

 

Internetseite, die künstliches Blut verkauft, um Frauen Blutungen in der Hochzeitsnacht zu ermöglichen (Stand: 27.Juli 2018):

https://www.virginia-care.de/de/virginiacare-blutkapseln-12h-2-stueck.html

 

Zeit Online Artikel (Anita Blasberg, 2007) über die frühere Pubertät der heutigen Generationen:

https://www.zeit.de/2007/28/Beginnt_die_Reife_immer_frueher