Lautes Durcheinander dringt dissonant aus Raum 70 nach draußen in die Ludwigstraße, Berenbostel. Die Ersten stimmen schon ihre Instrumente, während nach und nach immer mehr Menschen eintrudeln. Einzelne Töne, Tonleitern, Klaviergeklimper und Gerede erfüllen den Raum. Ein typischer Montagabend für die jungen Musiker.


Inmitten dieses strukturierten Chaos sitzt Felix Maier locker vorgebeugt auf einem Barhocker. 140 Tage seitdem er im Amt ist. Anfangs zählte er noch mit. Er wirft einen Blick in seinen Laptop, der vor ihm drapiert ist und macht sich Notizen. „Dieses I wanna be like you-ho-hoo (…)“, stimmt der Bandleiter ein Stück an und erkundigt sich bei einem der Musiker über den Stand des Stücks. „Was habt ihr eigentlich in der Satzprobe gemacht?“ Er wirkt gelassen, wie er dasitzt in seiner dunkelblauen Jeans und seinem grauen Kapuzenpullover. So ganz anders als auf den Konzerten, wo man den 41-Jährigen nur im schwarzen Anzug oder im Big Band Hemd kennt. Sein Humor und sein Charisma allerdings bleiben das gleiche.
Die Big Band Berenbostel hat bereits eine lange Geschichte hinter sich. Von Bodo Schmidt 1994 gegründet, lag die Band in den folgenden 25 Jahren unter seiner Obhut als Bandleiter. Gemeinsam reisten sie nach Pittsburgh in die USA, gaben Konzerte zusammen mit Legende Jiggs Whigham und später auch mit Till Brönner, gewannen landes- und bundesweite Jazz-Wettbewerbe und sorgten zeitgleich regelmäßig für die musikalische Unterhaltung auf diversen Sommerkonzerten, Winterkonzerten, Christmas Specials und als Begleitung der Musical-Gruppe des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Berenbostel. Schmidt, der letzten Sommer in Rente gegangen ist und seine freie Zeit nutzt, einen Jazz Club zu führen, ist wohl einer dieser Menschen, von denen man sagt, keiner könne ihm das Wasser reichen. Doch nun ist da Felix Maier, der scheinbar in Schmidts Fußstapfen zu treten vermag.

„One, two, a one two three-“
„Volaaaare, oh, oh, cantare ohohoho“, ertönt der kraftvolle Gesang der zierlichen Sängerin der Band entgegen. Greta Söderberg ist gerade mal 15 Jahre alt, Anfang 2018 wurde sie bereits von Schmidt einberufen. Ihre Haare halb im Dutt, halb offen präsentiert sie sich selbstbewusst, ihre Stimme erfüllt scheinbar mühelos den Proberaum, während sie sich im Takt der Musik bewegt.
Maier hingegen tippt mit dem Fuß auf seinem Metallhocker und blättert lächelnd durch die Noten. Hin und wieder stielt sich ein stolzes Grinsen auf sein Gesicht. Er wirkt zufrieden. Dennoch äußert er Kritik nach dem ersten Durchlauf. Sein Feedback ist detailorientiert und konstruktiv: „Hast du den Wechsel zwischen Hi-Hat und Ride genau geplant oder spontan gespielt?“, fragt er Sebastian Gietz, den jüngsten der drei Schlagzeuger der Band.
„Eher intuitiv.“
„Das ist ganz klar Popmusik, das braucht klare Form. Im Jazz bist du da freier.“
Der junge Schlagzeuger nickt. Auch auf die Lyrics geht Maier ein, um die Stimmung zu verdeutlichen. „’Sometimes the world is a valley of heartaches an tears, and in the hustle and bustle, no sunshine appears’. Manchmal ist die Welt ein düsterer Ort, das ist ja auch so.“
Der Bandleiter scheint genau zu wissen, welches Feedback hilfreich ist. Kein Wunder, der Gymnasiallehrer hat bereits langjährige Erfahrung als Leiter einer Schulbigband in Gehrden, die er nur schweren Herzens auf Schmidts Ruf hin verließ. Selbst spielt er nach eigener Aussage alle Saxophone, etwas Klavier, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Dass er es auch mag, zu singen, merkt man während der Probe immer wieder. Egal, ob die Gesangsstimme oder die Stimme der Instrumente, der Bandleiter nutzt oft seine eigene Stimme zur besseren Veranschaulichung.

„Nachher Raum 70?“ ist eine altbekannte Frage. Wer die Big Band kennt, hat schon einige Male vom sagenumwobenen Proberaum gehört. Sei es von den Aftershow-Partys oder den regelmäßigen Proben, die dort stattfinden. Der Proberaum wirkt nicht nur wie eine ehemalige Sporthalle, er war frühe auch Teil einer. Als einziger Raum des Gymnasiums befindet er sich in keinem der beiden Schulgebäude, sondern grenzt an die Sporthalle der benachbarten Oberschule an. Schmale Fenster ganz oben unter der Holzdecke, blauer Teppichboden und Wände aus grünem Teppich, eigelbgestrichenen Steinen und Holzverkleidungen vor den Heizungen. Kurioserweise steht ein dunkelbraunes Sofa direkt neben dem Eingang. Auf ihm sitzt Musikreferendar Lukas Hagemann. Drei verschiedene Uhren hängen hier; eine geht korrekt, die anderen sind schon lange stehengeblieben und sehen auch so aus. Sie sind die Zeugen verschiedener Zeiten. Raum 70 hat seinen ganz eigenen Charme, so alt und vielleicht auch abgeranzt er heute erscheinen mag.

Maiers Blick geht zur blauen Glastür, wo eine Saxophonistin den Proberaum betritt. 
„Ja, 5er würde ich sagen!“
„Mehr!“, kommt die Antwort.
Es gibt seit diesem Jahr eine neue Regel: Pro verspäteter Minute, wird ein Euro in die Big Band Kasse eingezahlt. Der Bandleiter findet, es sei eine Ehrenschuld, die jeder eigenständig einzahlen solle, er selbst werde dem Geld nicht hinterherlaufen.
Maier hat ganz andere Verantwortungen. Immerhin stehen auch dieses Jahr wieder große Ereignisse bevor. Unter der Führung von Felix Maier kam es Ende letzten Jahres nicht nur zum ersten Instagram-Account der Band, sondern auch bereits zu Workshops mit Drew Zaremba, Jörn Marcussen-Wulff, Christin Neddens und Michael League von Snarky Puppy. Auch für 2020 ist bereits viel geplant. Maier, der 1994/95 selbst an einem Schulaustausch nach Kanada teilnahm, wird seine Big Band diesen April für zwei Wochen dorthin begleiten. Er selbst habe damals unter Bandkollegen Kontakte geknüpft, die heute Lehrer an der St. Michaels University School sind, welche sie unter anderem besuchen werden.
Ganz einfach seien solche Projekte nicht. Gerade bei der Organisation und Durchführung von Konzerten, habe Maier auf Schmidts Erfahrung zurückgreifen müssen. Mit ihm habe er anfangs täglich telefoniert und sagt, in Schmidt einen „total verlässlichen Ansprechpartner“ zu haben, der immer für ihn da sei. Wie er Schmidt wahrnähme? „Als hingebungsvollen, unnachgiebigen Perfektionisten, der durch hohe Ziele und eine gewisse Härte Generationen von Schülern zu herausragenden Musikern geformt hat.“

„Düdwadwadat“, sing Maier den Trompeten wieder und wieder vor. Dabei klatscht der Bandleiter den Takt vor und wird langsam schneller, um die fünf Trompeter mit Genauigkeit ans Tempo heranzuführen. „Mehr Zunge“, weist er die Bläser an. Gelächter. „Mehr Zunge hört sich an wie bei Doktor Sommer in der Bravo“, lacht Maier. Die habe er neulich mit seinem Sohn im Wartezimmer gesehen und ein paar peinliche Fragen beantworten müssen. Maier hat nämlich drei Kinder, ist Musik- und Englischlehrer und in seiner wenigen Freizeit unter anderem in seiner Band Soul Control mit Saxophon und Gesang tätig. Auch in der Musical-Gruppe des Gymnasiums übernahm er bereits eine der Hauptrollen. Ob da überhaupt Freizeit bleibe? „Kaum“, sagt Maier. Schaffen würde er das alles auch durch die Unterstützung seiner „unglaublichen Frau, die das alles mitträgt“. Als hätte man es ahnen können, ist diese selbst berufstätige Musiklehrerin.

„Sorry, kannst du mir nochmal ein A geben?“, fragt die Sängerin den Pianisten. Eine Frage, die sich im Laufe der Probe noch oft wiederholen wird. Der Bandleiter zählt an und die Musik erklingt. Pascal Schröder, der Pianist der Band, der für seine Soli bekannt ist, wippt mit seinem linken Fuß im Takt mit, was seinen Hocker zum Wackeln bringt, während sein rechter das Pedal bedient. Hinter ihm gibt ein Verstärker ein leises Rauschen von sich. Wie die meisten hier wirkt er zwar hochkonzentriert, aber zugleich spielerisch.
„Wooooh“, singt Maier beim Dirigieren mit. Ihm zuzugucken, lässt einen verstehen, wie sehr er Musik lebt. Er gestikuliert mit großen Bewegungen, kleinen Bewegungen, erhebt sich von seinem Hocker, um Söderbergs Gesang zu untermauern und gibt mit Zwischenrufen und Gesang zu verstehen, wie die Band spielen soll. Maier gibt vor und alle folgen nach. Ein lang gezogenes „Jaaa!“, er nickt und winkt ab. Doch dann „Wenn ich jetzt Bodo wäre, würde ich sagen, da swingt ja gar nichts!“ Ganz wie sein Vorgänger Schmidt, weiß Maier es, Defizite zu benennen und diese gezielt zu verbessern. „Arbeitet da bitte noch einmal dran.“
Wieder zählt der Bandleiter an. Wieder beginnt das Spektakel der Gestikulation. Wieder winkt er ab: „Stop!“ Dieses Mal hat er Feedback für die Trompeten. Wenn sie mit Dämpfern spielen, bedürfe es viel mehr Luft. Und auf ein Neues.
„Ihr seid zu laut in Takt 74. Schreibt euch da bitte mezzoforte auf!“, kommt die Anweisung an die Posaunen. „Die Modulation ist natürlich gemein. Da wäre es schon schön, wenn da alle die richtigen Töne spielten.“ Und noch ein Durchgang. Die Geduld ist groß.
„Yul, jetzt bist nur noch du zu laut“, wendet Maier sich an den Posaunisten Yul Sauerbrey, einem Mitglied, das laut Bandleiter ein strahlendes Beispiel dafür sei, als junger Musiker an ein hohes Niveau herangeführt zu werden.

Sitzt man länger in Raum 70, fällt einem auf, wie vollgestellt dieser eigentlich ist. Es stapeln sich Mappen vor einer Tafel, zusammenhangslos stehen zwei alte, dunkelbraune Schultische gestapelt direkt daneben. Auf ihnen eine Flasche Sagrotanspray. Warum? Wer weiß. Instrumentenkästen, zwei Barhocker und einige braune Stühle mit Metallbeinen stehen ebenfalls gestapelt in allen Ecken. Weitere Zeitzeugen sind die vielen Bilder und Zertifikate an den Wänden. „Pensylvania presents a Band Concert“, steht auf einem Plakat von 1998. Hinter den Trompeten und der Rhythmusgruppe hängt ein „BBB“-Schild aus Kronkorken an der Wand. Auch alte Bandshirts hängen im Miniformat daneben. Ein weiteres Vorhaben sei die Umgestaltung des Raumes, die Maier mit seinen Kollegen Philipp Lüdtke und Franziska Günther vorhabe. Einige Zeitzeugen dürfen bleiben, andere hingegen müssen Platz machen, damit dem Proberaum ein neues, frischeres Leben eingehaucht werden könne.

Als nächstes soll Al Jarreaus „Summertime“ gespielt werden. „Das ist eine funky Nummer!“ Während Maier eine Mappe sucht, ertönt eine Geräuschkulisse aus Geklimper, Gepuste und Besprechungen unter den Bandmitgliedern. Dass die Band ein eingespieltes Team ist, hat der Bandleiter bei Konzerten bereits öfter erzählt. Davon, dass die Schlagzeuger sich nicht nur gerne umarmen, sondern einander auch immer helfen und zur Seite stehen, davon dass der Teamgeist, die Leidenschaft und die Hingabe aller so groß sind. Das Erfolgsgeheimnis der Big Band sei ganz klar harte Arbeit. Keine andere Schulbigband probe so viel, trete so viel auf und könne ein so großes Repertoire an Stücken abrufen.
Die Mappe wurde gefunden. Maier zählt das Stück an und Söderberg beginnt zu singen. Eine leichte Unsicherheit schwebt im Raum, Summertime proben einige von ihnen noch nicht allzu lange. Kein Problem für den Bandleiter, der erneut mit seiner Stimme sowohl der Sängerin als auch dem Bassisten Julian Pritsch ins Stück verhilft. Generell scheint Maier ein sehr positives Verhältnis zu seiner Band zu haben. Auch ein Konzerttermin wird in dieser Probe demokratisch abgestimmt. Lieber am Ende der Sommerferien? Oder etwa in der Woche nach Bückeberg? Dort fährt die Band vor den Sommer- und Winterkonzerten jedes Jahr für je eine Woche zum fokussierten Proben hin.
Maier wirkt herzlich und verständnisvoll, ohne dabei Ziele und Perfektion aus den Augen zu lassen. Kritik äußern, aber respektvoll bleiben. Auf Augenhöhe mit seiner Band, das trifft es recht gut.

„Pascal, groovt es?“, möchte der Schlagzeuger vom Pianisten wissen. Der Bandleiter hat ihn gehört: „An einigen Stellen schon!“
Allerdings dürfe der Bass ruhig lauter spielen, der sei wichtig in Al Jarreaus Jazz. Er sei live für ihn eine Offenbarung gewesen. Er habe den Funk in den Jazz gebracht, schwärmt Maier. Die Rhythmusgruppe tauscht grinsend Blicke aus. Nach einem weiteren Durchgang, bei dem Maier mit dem ganzen Körper mitwippt, sagt er plötzlich: „Ich würde das so machen.“ Und wirft die Partitur zu Boden. Er ergänzt: „In die Kiste der geilen Stücke!“
Er verteilt noch etwas Feedback und viele Komplimente. Er spielt Luftbass, singt erneut die Bassstimme vor und wendet sich an den Pianisten. Die Triolen seien gut, aber er solle lediglich „Als ganz besondere Würze triolisch werden!“.
Als nächstes Stück folgt „Don’t Get Around Much Anymore“. Es gibt einen Schlagzeugerwechsel zu Mel Kehler, einem der Ehemaligen des Gymnasiums. Der Kern der Band ist zwischen 15 und 19 Jahren alt, allerdings gibt es einige Ehemalige, die noch immer fester oder gelegentlicher Bestandteil der Besetzung sind.
Man merkt schnell, das Stück kappt schon sehr gut. Philipp Paßiel, einer der Trompeter, legt mit geschlossenen Augen ein Solo nieder. Der blonde Riese wirkt souverän.

Schnell geht es zum nächsten Stück über. „Respekt hab’ ich drauf!“, scherzt die kleine Sängerin. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es bereits 21 Uhr ist, als der Bandleiter mit entschuldigendem Blick vorschlägt, noch einen Durchgang von Earth, Wind and Fires „Fantasy“ zu proben. Die Band willigt ein. Es klappt wie geschmiert.